Die Freiheit des einzelnen schließt die Verantwortung gegenüber anderen nicht aus. Freiheit wird sogar da zur „sozialen“ Tugend, wo sie zur (Selbst-)Verpflichtung wird, nicht auf Kosten anderer zu leben. Das vermeintliche Recht - womöglich mit Hilfe des Staates – auf Kosten anderer zu leben, ist die Basis des Kollektivismus, aber nicht des Liberalismus. Deswegen haben Liberale auch immer die Fähigkeit zur Selbsthilfe als überragendes Erziehungsziel gesehen. Fleiß, Sparsamkeit und Nüchternheit waren gefragt. Wen wundert es, dass in der Blütezeit des Liberalismus im 19. Jahrhundert das Buch „Self-Help“ des Engländers Samuel Smiles, das diese Tugenden in historischen Beispielen zelebrierte, weltweit das hinter der Bibel meistverkaufte Buch war?

Aber liberale Selbsthilfe ist nicht identisch mit einem „Jeder-ist-sich-selber-der-nächste“. Wo der einzelne sich nicht alleine helfen kann, ist solidarische Selbsthilfe gefragt. Deshalb gehören etwa die Liberalen auch zu den Gründern des Genossenschaftswesens (Hermann Schulze- Delitzsch u.a.). Freiwillige Selbstorganisation ist aus liberaler Sicht immer der „Zwangssolidarität“ des Wohlfahrtstaates vorzuziehen. Zu der liberalen Kritik an der staatlichen Zwangsbeglückung gehört daher auch, dass diese die Bereitschaft zu Selbsthilfe und Selbstorganisation systematisch unterminiert.

Detmar Doering